YIN und YANG

I - Einleitung

II - Prinzip der Balance

III - Das Tai Ji Symbol

IV - Und was hat das mit Medizin zu tun ?


I) Einleitung
In der westlichen Welt gilt für die Erklärung der Geschehnisse um uns herum das Prinzip des absoluten Opposition. Entweder ist ein Körper, zum Beispiel ein Tisch, in einem Raum oder er ist es nicht. Ein Existenz desselben irgendwie dazwischen ist in unserem Denken nicht vorgesehen, erscheint nicht logisch - ergo gibt es sie auch nicht.Selbst die Kritik der reinen Vernunft verändert den Körper nicht, zieht man alles was den Körper an sich ausmacht (Farbe, Gewicht, Aussehen, etc.) von ihm ab, bleibt am Ende immer entweder seine reine Ausdehnung im Raum oder wenn diese fehlt eben nichts.

Dieses, bis auf den Philosophen Aristoteles zurückzuführende Weltbild des gegenseitigen Auschlusses durch Gegensatz, dominiert unser Denken seit mehr als 2000 Jahren und nur wenige von uns bemerken wie unbedacht wir zum Beispiel Begriffe wie Tag und Nacht verwenden - der Tag ist Vormittag, Mittag, Nachmittag oder am Abend, Nacht ist es wenn es dunkel ist, aber je nachdem erst nach Mitternacht oder sehr früh am Morgen. Wir sehen bisweilen einen Regenbogen, der nur sichtbar ist wenn es gleichzeitig regnet und die Sonne scheint.

Da es aber einen Begriff für dieses Wetter, für diesen Übergangszustand scheinbar nicht gibt, beschränken wir uns auf die Beschreibung der optischen Erscheinung.
Manche von uns ahnen sehr wohl, dass es hier und in vielen anderen Dingen wohl eher einen gleitenden Übergang als einen eigentlichen Endzustand gibt, aber es scheint wohl mehr Haarspalterei zu sein dem nachzugehen um herauszufinden ob es Bedeutung für unser Leben haben könnte.

Etwa genauso alt wie unser westliches Denkprinzip ist das chinesische Konzept von YIN und YANG (gesprochen JIN und Jang), das wie das westliche Denkmodell auch alle belebten und unbelebten Zustände erfasst, als Beispiel seien an dieser Stelle Frau, Nacht, Erde als YIN und Mann, Tag und Himmel als YANG genannt. Diese im ersten westlichen Blick scheinbar doch auch nur gegensätzlichen Zustände sind dabei nicht absolut sondern nur in der Gegenwart des Anderen logisch, existent und sinnvoll, sie sind somit in der reinsten Form relativ. So ist ein Apfelbaum in der Ralation zum Himmel zwar YIN da er unter diesem steht, aber er ist YANG zum Erdboden da er sich über diesen erhebt. Der Vormittag ist YIN zum Mittag, aber selbst, da zeitlich später, YANG zum Morgen sowie der Frühling das YANG für den Winter aber das YIN zum Sommer ist.

Im westlichen Denkprinzip ist die Existenz des Einen unabhängig von dem des Anderen, also weder dessen Ursache noch dessen Folge. Für das Beispiel Tisch im Raum heisst das - nicht weil etwas anderes nicht da ist oder war, ist er im Raum, sondern allein und ausschliesslich nur durch sein Vorhandensein an sich.


II) Prinzip der Balance

Im chinesischen YING-YANG System ist diese gegenseitige Abhängigkeit absolute Bedingung ohne sie bewegt sich nichts, existiert nichts. Je nachdem in welcher Relation man den Tag erlebt ist er Nacht, rechts ist links wenn man es von der entsprechenden Stelle betrachtet, Oben ist Unten und Himmel ist Erde je nachdem wo man am Berg steht. Damit haben die scheinbaren Gegensätze der folgenden Tabelle nur Existenz durch die des Anderen, sie gleiten unmerklich ineinader über und sind je nach Standpunkt auch gleich dessen Gegenteil.

YIN YANG
Nacht Tag
Regen Sonne
Dunkelheit Licht
Schatten Helligkeit
Ruhe Aktivität
Raum Zeit
Westen Osten
Norden Süden
Rechts Links
Materie Energie
Wasser Feuer
Mitternacht Mittag
Winter Sommer
Erde Himmel
Tod Leben


Bei den Jahreszeiten ist der Winter höchstes YIN und der Sommer höchstes YANG. Der Frühling ist höheres YIN, der Herbst höheres YANG . Jedoch selbst in den scheinbar extremsten Gegensätzen wie Sommer und Winter, Frühling und Herbst sind beide Formen immer existent. YANG, welches im Sommer am höchsten ist, hat die Saat des Winters in sich, dieses YIN wird mit jedem Tag stärker, bis sich dann irgendwann im Dezember das YANG scheinbar zurückgezogen hat. Aber doch selbst im tiefsten Winter verschwindet es nie, stattdessen beginnt YANG mit jedem Tag in Richtung Frühling wieder stärker zu werden.

Eine Zeit oder Zustand ohne die gleichzeitige Existenz des anderen gibt es nicht, an einem bestimmten Punkt sind diese sogar nicht mehr zu unterscheiden - YIN ist YANG, YANG ist YIN. Sowie bei einem einer bestimmten Mondphase nicht mehr unterscheiden kann, ob er nun in Richtung Neumond (YIN) abnimmt oder zum Vollmond (YANG) werden wird. Niemals jedoch ist von beiden etwas vollständig nur YIN oder nur YANG. Übergänge von einem zum anderen sind dabei nur durch die Grösse oder Kraft des anderen bedingt.


III) Das TAI JI Symbol
Diese Balance, die gegenseitige Abhängigkeit wird durch das vielfach verwendete Symbol dargestellt, das sogenannte TAI JI (TAI CHI), wobei der Punkt im YIN die Saat des YANG und umgekehrt darstellt.


Es mag nicht direkt ersichtlich sein, wo sich das eigene Leben im YIN-YANG widerfindet, scheint doch Krankheit nicht in diesen Kreislauf gehörig, gar mit dem Tod durchbrochen zu sein. Aber selbst der Tod wird nicht sinnlos, wenn sich der Einzelne weniger als absolut, sondern als Bestandteil in der Ganzheit im YIN-YANG der Natur erfährt. Denn mit dem eigenen YIN ist nicht immer auch zwangsläufig das eigene YANG, die Geburt gekoppelt, sowenig abfallendes Laub das Ende des ihn zuvor tragenden Baumes bedeuteten. Im Gegenteil geben sie im Sterben die Kraft zurück, die es ihm ermöglichen den Winter zu überleben, um dann selbst, über die Zeit zur Erde und zur nährenden Substanz geworden, wieder als YANG für die neuen Blätter, aufzusteigen.


IV) Und was hat das mit Medizin zu tun ?
Da alles Belebte und Unbelebte im und mit YIN-YANG verbunden ist, also auch wir und damit unser Körper, spielt deren Beachtung besonders aus medizinischer Sicht eine wichtige Rolle. YIN und YANG sind zwar sich gegenseitig bedingendene Zustände oder Phasen, es ist aber dabei entscheidend wie diese beiden Phasen in Balance zur jeweilig anderen ablaufen bzw. in welchem Gegengewicht sie zueinander stehen.
Es sehr wohl möglich das YIN oder YANG zum Nachteil des anderen überwiegen, das TAI JI Symbol ist dann nicht mehr harmonisch bzw. symetrisch, sondern entsprechend der imbalanten Seite deformiert. YIN oder YANG können dann entweder exzessiv oder zu schwach zum Vorteil oder Nachteil des Anderen sein, und aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit wird das gegenseitige YANG bzw. YIN zu hell, zu stark, zu wild, zu warm oder zu dunkel, zu schwach, zu ruhig, zu kalt.

Ist zum Beipiel der Sommer oder die Arbeitszeit zu lang, verkürzt sich der Winter oder die Zeit der Ruhe und Erholung mit all den Folgen für die Geburt im nächsten Frühling oder am nächsten Morgen. Da alles im YIN-YANG zirkuliert, hat auch alles was wir uns zumuten oder unterlassen eine direkte Auswirkung auf unsere YIN-YANG Balance. Dies gilt hinab bis auf die Ebene der Organe, bis hin zu jeder einzelnen Zelle. Entsprechend werden in der traditionellen chinesischen Medizin all unsere Organe, sei es nun in der Betrachtung ihres Aufbaus oder in deren Funktion im YIN-YANG erfasst und systematisiert.

Um es vorwegzunehmen - den Zustand der optimalen Balance gibt es weder in der westlichen noch in der chinesischen Medizin, wir bleiben ja auch nicht immer im Zustand des höchsten Lebens stehen, selbst in unserer Sommer-Lebenszeit (zwischen dem 20 und 32.Lebensjahr) werden wir mehr oder weniger länger oder kürzer krank. Veränderungen und Imbalancen entstehen während des ganzen Lebens in und durch uns, mit der Folge von Krankheiten die wir oft selbst bedingen. Zum Beispiel ist YANG in uns zu exzessiv, wenn wir durch zu viel Arbeit mit wenig Schlaf, Übertreiben von Ernährung und Genussmitteln und ähnlichem unserem YIN nicht mehr den Raum zur Entfaltung gewähren.

Dabei handelt es sich sogar oft nicht einmal um allgemein direkt als schädlich anerkannte Verhaltensweisen wie Rauchen oder übertriebenen Alkoholkonsum - während viele wohl zustimmen werden, dass ein zuwenig an Sexualität (YANG im Defizit) imbalant und damit unzufrieden und gar krank machen kann, werden sich die gleichen Menschen bei dem Gedanken schwer tun das auch dessen Gegenteil (YANG Exzess) die gleichen negativen Auswirkungen haben kann. Auch hat zum Beispiel ein Dauerlauf im Winter für unseren Körper in keinster Weise den gleichen gesunderhaltenden Effekt wie es ein solcher im Sommer hat.

Im YIN-YANG, indem sich das Ganze auch unmittelbar am Zustand des anderen Parts festmacht, führen fortgesetzte schädigende Eingriffe, seien diese vordergründig harmlos oder nicht, früher oder später zu Veränderungen des Gleichgewichtes, die dann auch die YIN-YANG Balance einzelner Organe und damit auch den ganzen Menschen erfassen und sich dann in Krankheitssymptomen zeigen können, bei denen nicht nur dem dem Laien der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verborgen bleiben kann.

Dass oft die Ursache in uns selbst, in einer Störung unseres individuellen YIN-YANG Systems liegt, und ein Symptom nur den Exzess oder die Schwäche der einen oder anderen Phase zeigt, seien es nun Defizite oder Exzesse im YIN oder im YANG einzelner Organe, oder deren Zusammenspiel im Ganzen, bildet die Basis der traditionellen chinesischen Medizin. Hier gilt es primär das Gleichgewicht zwischen YIN und YANG, den TAI JI, soweit wie möglich wieder herzustellen, dem kranken Menschen den Weg zu seiner Einheit zu ermöglichen.
Die Darstellung von Krankheitsursachen und deren Behandlung im YIN-YANG System, die chinesische Ärzte schon vor mehr als tausend Jahren gaben, zeigen immer wieder verblüffende Übereinstimmungen mit den Erkenntnissen und Methoden der heutigen modernen westlichen Medizin.

Krankheit und ihr Symptom ist heute allerdings etwas feindliches, externes das passiv mit Hilfe von Ärzten und Tabletten scheinbar schnell beseitigt werden kann. Die eigentliche Ursache zu erkennen ist Herausforderung für alle - für Ärzte und noch mehr für den Patienten. Gerade dieser neigt dazu, die Einsicht in die eigene Verantwortung mit Selbstverschuldung zu verwechseln eine Aufforderung dazu als Anklage seiner selbst zu sehen.

Daher wird dies zum weiteren Nachteil des Ganzen vermieden, anstatt eine Verletzung in der Einheit unseres Körpers als ein Warnsignal eines voll funktionierenden Systems zu sehen. Um dies an einem Beispiel noch zu verdeutlichen - die meisten Autofahrer würden in keinem Fall weiter Vollgas geben wenn der Alarm der Wasserstandsanzeige aufleuchtet, und das Gefährt verliert danach keinesfalls an Achtung oder Wert, oder ist gar schuldig dadurch das es diesen Fehler meldet weil es eben ein Defizit hat.

In der westlichen Medizin findet er zu diesem Prozess des Umgangs mit der eigenen Krankheit weniger Zugang, liegt hier der Schwerpunkt im Beschreiben und der Behandlung der sichtbaren Symptome, die mit Hilfe bildgebender Verfahren wie Röntgen und Ultraschall die Diagnose stützen und daher angeblich beweisen. Der Erfolg misst sich am Grad der Unterdrückung dieser Symptome und an den Zeitraum zu dessen Wiederkehr. Ob man dies nun mit Medikamenten erreichen will oder per chirurgische Entfernung versucht, oft genug zeigt sich, dass dieser Behandlungsansatz ungenügend ist.

Dies ist in vielen chronischen Krankheiten, in der die Symptome bleiben und sich die Behandlung dann nur noch auf deren Unterdrückung beschränkt der Fall (Asthma, Rheuma, Hauterkrankungen). Sieht man dagegen den Umstand, das in einigen Teilen des alten Chinas die Ärzte oft nur bezahlt wurden solange ihr Patient gesund blieb, war allein schon dadurch die Notwendigkeit gegeben über ein anderes Behandlungskonzept nachzudenken. Eine Therapie die darauf abzielte, dass ein Patient selbst, nach der Wiederherstellung seiner Balance, das erneute Entstehen von Krankheiten in der Zukunft verhindern oder lindern konnte, war daher auch ganz banaler ökonomischer Sicht interessant.

Jedoch sei an dieser Stelle ganz deutlich gesagt, dass die eine Behandlungsmethode in keinster Weise der anderen überlegen oder gar weil "alternativ" vorzuziehen ist. Chinesische und westliche Medizin ergänzen sich, komplentieren einander, weil jede ein Teil des Wissens der Menschheit trägt. Isoliert können sie zudem auch sehr sinnlos werden, dann wenn einem Patienten mit einer lebensbedrohenden Erkrankung, erstmal seine Einsicht dafür abverlangt oder ihm umgekehrt mit lebensbedrohenden Therapien sein Leben fern jeglicher Lebensqualität verlängert wird.

Es wird nie "Alternativen" geben, denn wenn ein Arzt behandelt gibt es für seinen Patienten immer nur eine Form der Medizin - eine die wirkt oder auch nicht.

(c) Copyright 2000 by D Blumberg

V) Referenzen:

Maoshing N, The Yellow Emperor's Classic of Medicine:
                     A New Translation of the Neijing Suwen With Commentary. Shambhala Pubns 1995

Flaws B et al A Compendium of TCM Patterns & Treatments. Blue Poppy Pr 1996

Maciocia G The Foundations of Chinese Medicine. Churchill Livingstone, London, 1989

Maciocia G Practice of Chinese Medicine. Churchill Livingstone, London, 1994

Kaptchuk T J Chinese Medicine - The Web That Has No Weaver. Contemporary Books, 2000

 

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